Hochsensibilität

"Und es kam der Tag, da das Risiko, in der Knospe zu verharren, schmerzhafter wurde als das Risiko, zu blühen."      (Anaïs Nin)

Zart - und trotzdem stark. Zwei Worte, die für mich das Wesen hochsensibler Menschen charakterisieren können. Sie, die so rasch mitfühlen, ihr Gegenüber oft ein stückweit lesen können und viele Situationen rasch intuitiv einschätzen. Sie, die sich aber auch immer wieder alleine und oft unverstanden fühlen in ihrem andersartigen Empfinden.

 

Für mich war es ein wichtiges Puzzlestück meine eigene Hochsensibilität zu entdecken. Dies schenkte mir das Wissen mit diesem Empfinden nicht alleine zu sein, sondern Teil einer Gruppe von Menschen, die ähnlich fühlen. Dabei ist es für mich weniger relevant, ob nun 15 bis 20 % der Menschen hochsensibel sind oder ob die Forschung in einigen Jahren zu einer anderen Zahl kommt. Was zählt ist der einzelne Mensch mit seinem individuellen Empfinden.

 

Die eigene dünne Haut als Hochsensibler gut zu pflegen, statt sich eine dickere Haut wachsen lassen zu müssen – das ist mir ein Herzensanliegen. 

 

In meiner eigenen Beschäftigung mit dem Phänomen der Hochsensibilität habe ich erfahren, wie wichtig die Anerkennung meines 'So-seins' ist – denn erst sie ermöglicht es mir, das, was mich ausmacht, in ganzer Fülle zu leben, zu pflegen und mit anderen zu teilen. Zu verstehen: Ja, es ist in Ordnung zartbesaitet zu sein. Zu erfahren: Ja, ich kann zart und stark zugleich sein.

 

Das Wesen hochsensibler Menschen spiegelt sich für mich im Bild meiner Lieblingsblumen, den Tulpen, wider. Sie, die so eine unglaubliche Vielfalt mit sich bringen: Sie blühen in jeglichen Farben, Schattierungen und Grössen, ausgestattet mit runden, spitzen oder gezackten Blütenblättern. Ihre zarten Blüten können sich auf eine wunderbare Weise öffnen - und dennoch wirken sie oftmals so als würden sie jeden Augenblick ihre Köpflein hängen lassen. Und doch: Werden sie regelmäßig gegossen und erhalten sie die Nahrung, die sie benötigen, dann wird ihr tragender Stiel stark – und die Tulpe erblüht zart und stark zugleich!

 

Wenn wir uns unsere Feinheit bewahren und sie wie eine Blume pflegen, dann vermag sie aufzublühen. Je mehr wir uns in unserer Einzigartigkeit, wie auch in unserer Verwundbarkeit, annehmen, umso leichter wird es, unseren ganz eigenen Weg zu finden und zu gehen – und so auch die Hochsensibilität als Gabe und Geschenk unseres Wesens zu erfahren.